Ausbau und Leitungsführung des sogenannten Initialclusters des Energienetzes.  z.V.g.
1/2 Ausbau und Leitungsführung des sogenannten Initialclusters des Energienetzes. z.V.g.
Die Abwärmeauskopplung auf dem Dach der Ernst Sutter AG.  z.V.g.
2/2 Die Abwärmeauskopplung auf dem Dach der Ernst Sutter AG. z.V.g.
12.11.2019 08:00

Ein Leuchtturmprojekt in «grüner» Energieversorgung

Seit Oktober ist die erste Etappe des Energienetzes Gossau-St.Gallen-Gaiserwald in Betrieb. Die energienetz GSG AG nimmt die Abwärme der Ernst Sutter AG ab und versorgt damit die Schläpfer Altmetall AG und die Steinemann Technology AG. Mit der City-Garage AG und der Max Bersinger AG werden weitere Firmen angeschlossen. Später sollen weitere Ausbau-etappen folgen.

Industrie Ost «Man kann sicher von einem Meilenstein in der Projektrealisierung sprechen», erklärt Roland Egli, Verwaltungsratspräsident der energienetz GSG AG, zur Inbetriebnahme des Netzes, der eine längere Planungsphase vorausgegangen ist. «Für mich ist herausragend, dass wir allein mit Überschusswärme, die bisher in die Luft geblasen wurde, fünf Betriebe beheizen und im Sommer sogar kühlen können», so der Gossauer. Während die angeschlossenen Firmen so 180‘000 Liter Heizöl im Jahr und damit 474 Tonnen CO2-Ausstoss pro Jahr einsparen, braucht die Ernst Sutter AG weniger Energie, um die überschüssige Abwärme der Prozesskälteanlagen zu vernichten. Die Überschusswärme wird über das Wärmenetz bei maximal 28°C verteilt und dezentral bei den Bezügern auf das benötigte Temperaturniveau angehoben. Im Dezember wird die City-Garage AG angeschlossen, im neuen Jahr sollen weitere Kunden hinzukommen, womit die erste Bauetappe des geplanten Energienetzes abgeschlossen sein wird. Langfristig weist dieses allerdings noch grosses Wachstumspotenzial auf. So fern technisch und wirtschaftlich möglich, sollen bis 2050 grosse Teile des Industriegebiets und der angrenzenden Wohngebiete zwischen Gossau, St.Gallen und Gaiserwald erschlossen sein.

Auch Private einbinden

Im nächsten Ausbauschritt ab 2023 sollen auch Privathaushalte in den Gebieten Winkeln Nord, Kreuzbühl und Kräzeren angeschlossen werden. «Die DGS Druckguss Systeme ist als nächster Wärmelieferant vorgesehen. Allein sie produziert genug Überschusswärme, um einen Grossteil des Ausbaugebiets St.Gallen Winkeln versorgen zu können», erklärt Egli. Ein mit industrieller Abwärme gespeistes Wärmenetz in den geplanten Dimensionen gebe es seines Wissens in der Schweiz bisher nicht, so dass man durchaus von einem Leuchtturmprojekt sprechen könne. «Als wir mit den Planungen begonnen haben, ahnten wir nicht, wie aktuell und dringlich die Klimadebatte bei der Inbetriebnahme sein würde. Den Zeitpunkt bewusst so zu planen, hätte sicher nicht geklappt», schmunzelt Egli. Für die Firmen seien die ökologischen Gesichtspunkte wichtig für die Teilnahme am Projekt gewesen. Doch dieses soll sich natürlich auch rechnen. «Für den Bau und den Betrieb des Netzes wurden viele Rentabilitätsberechnungen angestellt. Diese müssen nun nach der Inbetriebnahme verifiziert werden», erklärt das Vorstandsmitglied der Gossauer Handels- und Industrievereinigung. Generell gelte: Je kälter die Winter, desto rentabler das Projekt, lacht Egli, weil in diesem Fall mehr Überschusswärme zum Heizen genutzt werden könne.

Technisch hochkomplex

Vom Potenzial her könnte dereinst der ganze Perimeter Gossau Ost – St.Gallen West – Gaiserwald angeschlossen werden. «Was in der Beschreibung so einfach tönt, ist technisch hochkomplex», sagt Egli und erläutert die Funktionsweise des Netzes für den Laien so einfach wie möglich: «Es bestehen zwei Kreisläufe: Ein kaltes Primärsystem (Wärmenetz), das mit Trinkwasser betrieben wird und ein warmes Sekundärsystem mit Heizungswasser. Dazwischen geschaltet sind Wärmepumpen, welche für den Temperaturhub verantwortlich sind. Bei einem Ausfall des Netzes stehen dezentral Heizkessel zur Verfügung, womit die Kunden sicher versorgt sind.» Man könne ja die Kunden der energienetz GSG AG nicht unversorgt lassen, wenn der Wärmelieferant aus irgendwelchen Gründen nicht produziert. Für den Betrieb und die Wartung des Netzes ist die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) verantwortlich, die St.Galler Stadtwerke übernehmen die Geschäftsführung. Als Leiter fungiert Simon Schoch, der bei den St.Galler Stadtwerken angestellt ist und auf Mandatsbasis für die energienetz GSG AG arbeitet. Eigentümer sind die SAK sowie die Städte Gossau und St.Gallen mit je 31,6 Prozent der Aktien, die Gemeinde Gaiserwald hält 5,2 Prozent.

Von Tobias Baumann