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Cornelia Büchi referierte an der Herbstversammlung des Gewerbevereins. z.V.g.
3/3 Cornelia Büchi referierte an der Herbstversammlung des Gewerbevereins. z.V.g.
13.11.2019 11:00

Herbstversammlung des Gewerbevereins Gossau

An der Herbstversammlung des Gewerbevereins Gossau kamen die rund 80 anwesenden Mitglieder in den Genuss zweier spannender Vorträge. Erst informierte Cornelia Büchi, Leiterin Markt und Energie Stadtwerke Gossau, über die Herausforderungen im liberalisierten Strommarkt, anschliessend referierte Bruno Eisenhut, Geschäftsführer Gewerbeverband AR, über den Autobahnzubringer Appenzellerland.

Freihof Nach einem Apéro und der Begrüssung durch Remo Schönenberger, Präsident des Gewerbevereins Gossau, erfuhren die Mitglieder zu Beginn von Cornelia Büchis Referat, dass die Stadtwerke Gossau mit durchschnittlich 30 Vollzeitstellen 2018 einen Jahresumsatz von rund 31 Millionen Franken machten und Investitionen in der Höhe von sieben Millionen tätigten. Büchi zeigte die Gliederung der Stadtwerke in die vier Geschäftsfelder Elektrizität, Erdgas, Telecom und Wasser und anschliessend mit Zahlen die Grössenordnung der Gossauer Elektrizitätsversorgung. So stellten die Stadtwerke im letzten Jahr 183 Gigawattstunden Strom bereit, was einem mittelgrossen Werk entspreche. «Wir befinden uns in einer schwierigen Marktsituation, die Versorgung durch Dritte hat inzwischen weiter zugenommen», sagte Büchi. Diese machte 2018 55 Gigawattstunden und damit deutlich mehr als einen Viertel der Gesamtmenge aus. Aktuelle Herausforderungen für die Elektrizitätsversorgungsunternehmen seien die zunehmende Regulierung durch die neue Stromversorgungsverordnung, die Liberalisierung des gesamten Strommarktes ab 2023 oder die Digitalisierung, die auch den Strommarkt erfasst habe.

Trend zur Eigenversorgung

Bezüglich der neuen Stromverordnung sprach Büchi von einem regelrechten Regulierungs-Tsunami. Die Digitalisierung bringe eine sich massiv beschleunigende technologische Entwicklung und damit eine tiefe Investitionssicherheit mit sich, da Investitionen schnell überholt sein könnten. Auch der Trend zur Eigenversorgung sei für die Stadtwerke eine Herausforderung. «Vielleicht brauchen unsere Kunden in Zukunft das Stromnetz nur noch für die Überbrückung von Engpässen», erklärte Büchi. Ausserdem habe die heutige Kundschaft als Prosumer ständig ändernde Bedürfnisse. Das Umfeld sei also sehr herausfordernd.

Verschiedene Modelle

«Für Sie als KMU-Vertreter ist in diesem Zusammenhang sicher der Strompreis von grosser Bedeutung», sagte die Leiterin Markt und Energie Stadtwerke Gossau und zeigte eine Folie des Orakels von Delphi: «Ich kenne den künftigen Strompreis nicht, sonst wäre ich eine reiche Frau!» Der Strompreis sei grundsätzlich abhängig von Angebot und Nachfrage, aber auch vielen weiteren Faktoren wie beispielsweise der Konjunktur und Wechselkursen. Anschliessend informierte Büchi über die vier möglichen Strombeschaffungsmodelle Stichtagsbeschaffung (Bezug der gesamten Strommenge an einem Stichtag zu festem Preis), Strukturierte Beschaffung (Teilmengenbeschaffung zu mehreren Zeitpunkten), Portfoliomanagement (Zerlegung des Lastgangs in börsennotierte, standardisierte Handelsprodukte) und das sogenannte Pooling (Zusammenschluss von Stromkunden zum Einkauf im Modell Strukturierte Beschaffung).

Entlastung in mehrfacher

Als zweiten Referenten durfte der Gewerbeverein Gossau Bruno Eisenhut, den Geschäftsführer des Gewerbeverbandes AR, begrüssen. Dieser erläuterte den anwesenden Mitgliedern die Bedeutung des seit langem geforderten Autobahnzubringers Appenzellerland für die Region. «Wir müssen aus der Not eine Tugend machen. Das Gebiet Gossau Ost - St.Gallen West hat aufgrund der ungenügenden Verkehrsanbindung ein eingeschränktes Wirtschaftswachstum, Herisau und das gesamte Appenzeller Hinterland leidet unter der überlasteten Alpsteinstrasse und Gossau unter dem Durchgangsverkehr. Ein Autobahnzubringer ins Appenzellerland würde in dreierlei Hinsicht eine massive Entlastung bringen», so Eisenhuts Botschaft. Der Gewerbeverband AR sei überzeugt, dass man bei diesem Grossprojekt überregional zusammenarbeiten müsse - auch über Kantons- und Gemeindegrenzen hinweg. Die Kantonsregierung von St.Gallen habe das Industriegebiet in St.Gallen Winkeln zu einem sogenannten A-Gebiet mit Förderpotenzial erklärt, entsprechend müsse man auch handeln. Ab 1. Januar 2020 gehöre die Achse Winkeln - Herisau - Appenzell zum Nationalstrassennetz des Bundes. «Bisher waren Herisau und Appenzell die beiden einzigen Hauptorte der Schweiz, die nicht direkt an das Autobahnnetz angeschlossen waren. Das ändert sich nun», erläuterte Eisenhut. Entsprechend stehe in Zukunft der Bund in der Verantwortung, das Verkehrsproblem auf dieser Achse zu lösen, was die Chancen eines Autobahnzubringers erhöhe.

«Nicht die Nerven verlieren»

Beim Gossauer Verkehrsproblem würde sich der Bund als nicht zuständig erklären, aber auf dem Nationalstrassennetz müsse er sich um Lösungen kümmern. «Und wenn dadurch viel Durchgangsverkehr aus Gossau direkt ins Appenzellerland abfliesst, bringt das natürlich eine Entlastung», so Eisenhut. Die Botschaft nach Bern müsse klar sein: «Die Ostschweiz steht gemeinsam hinter dem Projekt.» In diesem Sinn sei auch die kürzlich durchgeführte Umfrage der Wirtschaftsämter St.Gallen und Appenzell unter Ostschweizer Betrieben zu verstehen, deren Auswertung nicht vor Januar zu erwarten sei. «Diese liefert den Kantonen Munition, um Druck zu machen. Ich gehe nicht davon aus, dass die Gewerbetreibenden den Anschluss als nicht so wichtig taxiert haben. Dann hätten die Behörden ein Problem in der Argumentation gegenüber dem Bund», so Eisenhut. Wichtig sei aber auch, nicht in unkoordinierten Aktionismus zu verfallen, sondern das Vorgehen untereinander abzustimmen. «Seit 30 Jahren spricht man von diesem Projekt. Jetzt dürfen wir nicht die Nerven verlieren, sondern müssen vereint auftreten», so Eisenhuts Botschaft. Nach den beiden Vorträgen gingen die «Gwerbler» zum gemütlichen Nachtessen über. ⋌tb