Yu Hao freute sich, als die Silvesterchläuse zum ersten Mal in ihrem Zuhause in  Urnäsch Halt machten.  Screenshot «Plötzlich Heimweh»
1/2 Yu Hao freute sich, als die Silvesterchläuse zum ersten Mal in ihrem Zuhause in Urnäsch Halt machten. Screenshot «Plötzlich Heimweh»
Im Film werden auch Bilder aus China gezeigt, wo Yu Hao früher lebte.  z.V.g.
2/2 Im Film werden auch Bilder aus China gezeigt, wo Yu Hao früher lebte. z.V.g.
20.11.2019 08:35

Erfahren, was Heimat ist

Yu Hao lebt seit 13 Jahren in Urnäsch. Heimweh verspürt die Chinesin nicht. Zumindest nicht nach China. Verlässt sie ihre Wahlheimat, wird sie jedoch von Wehmut ergriffen. Von diesem Gefühl handelt ihr erster Film «Plötzlich Heimweh», der zum ersten Mal am Samstag im Cinétreff in Herisau der Öffentlichkeit gezeigt wird.

«Plötzlich Heimweh» Yu Hao wurde als eine von drei Töchtern im Norden Chinas geboren – so richtig zugehörig fühlte sie sich jedoch nie. Sie war intellektuell weiter als andere Kinder in ihrem Alter. «Mit vier Jahren ging ich zur Schule und alle meine Mitschüler waren einen Kopf grösser als ich», erzählt Hao. Nach ihrer Schulzeit arbeitete sie beim chinesischen Staatsfernsehen, wo sie verantwortlich für die Sendungen im Hauptabendprogramm zeichnete. «Eine Mitarbeiterin wollte eine Reportage über Skifahren drehen, was damals, vor gut 20 Jahren, in China noch nicht üblich war», erinnert sich Hao. Für die Dreharbeiten reiste sie in die Schweiz, wo sie ihren heutigen Ehemann Ernst Hohl aus Urnäsch kennenlernte. Die hügelige Appenzellerlandschaft und die farbigen Bauernhäuser mit ihren kleinen Fenstern weckten in ihr eine brennende Neugier: «Was passiert hinter diesen schönen weissen Vorhängen? Welche Geschichten erwarten mich hier?», fragte sich Hao. 2005 reiste sie mit einem Fernsehteam erneut in die Schweiz. Ernst Hohl begleitete sie und während dieser Reise verliebten sie sich, bis sich Hao 2006 dazu entschloss, für einige Monate in die Schweiz zu kommen.

«Aus den wenigen Monaten sind mittlerweile 13 Jahre geworden», sagt Hao und lacht. Zu Beginn hätte sie die Sprache nicht gelernt, da sie nie an einen längeren Aufenthalt gedacht hätte. «Ich kommunizierte durch meine Kamera. Ich versteckte mich auf eine gewisse Art sogar dahinter, und dennoch nahmen mich die Leute wahr. Ich filmte alles, was mich interessierte», erzählt die Chinesin. Entstanden sind über 15'000 Minuten Filmmaterial, aus denen Hao nun ihren ersten Kinofilm «Plötzlich Heimweh» zusammengeschnitten hat. Ergänzt werden die Aufnahmen mit nachgedrehten Szenen aus Peking, wo Hao vor ihrem Umzug nach Urnäsch zuletzt lebte. «Plötzlich Heimweh» bezieht sich nicht, wie man denken könnte, auf das Heimweh nach China – das hat Hao nämlich nie ergriffen. Dennoch hat sie in Asien zum ersten Mal Heimweh erlebt. 2013 war sie mit ihrem Mann auf einer Asienreise, als es sie überkam: «Plötzlich wollte ich zurück nach Hause, nach Urnäsch. Und dass ich das nicht konnte, hat weh getan. Es war ein Gefühl, das ich so nicht kannte», erinnert sich Hao. Zuvor hätte sie sich immer als Weltenbummlerin gefühlt, die überall leben konnte und frei sein wollte. «Frei bin ich auch heute. Dennoch bin ich in Urnäsch angekommen. Sobald ich hier bin, ist alles gut, und hier habe ich meine innere Ruhe.»

In ihrer Wahlheimat hat Hao die Gepflogenheiten und Traditionen der Appenzeller kennengelernt. Eine Tradition fasziniert die Chinesin besonders: Das Silvesterchlausen. «Einmal war ich allein zuhause. Es war ein sehr emotionaler Moment, als plötzlich ein Schuppel vor unserem Haus Halt machte und die Chläuse nur für mich sangen», erinnert sich Hao. «Ich gehörte dazu. Ein Gefühl, das mir in China immer gefehlt hat», sagt sie mit einem Strahlen im Gesicht. «Für mich ist das Silvesterchlausen inzwischen nicht mehr nur ein Brauch, der Freude bringt. Es ist für mich sogar mehr geworden als eine Tradition. Es ist ein Kreis, der gezogen wird und der die Menschen miteinander verbindet. In diesem Moment gehören sie zueinander. Ich hatte eine Sehnsucht nach dieser Zugehörigkeit. Es berührte mich damals heimatlich, und ich weiss, dass ich am 31. Dezember und dem 13. Januar einfach hier nach Urnäsch gehöre», sagt sie. Auch wenn sie hier durch ihr Äusseres immer als anders auffalle, fühle sie sich im Innern doch zugehörig und wohl. «Auch meine Sprache wird immer anders klingen als die der Einheimischen. Dennoch gebe ich mir Mühe. Als nächstes möchte ich Dialekt lernen», erzählt die Chinesin.

Ihren gut bezahlten Job und ihre Familie hat sie vor 15 Jahren in China zurückgelassen. «Ich spüre manchmal, dass meine Familie weit weg ist und ich sie vermisse. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem Schmerz, der mich überkommt, wenn ich länger als zwei Wochen von meinem Zuhause in Urnäsch fort bin», so Hao.

Ihr Film feiert nun am Samstag, 23. November, um 20 Uhr im Cinétreff in Herisau Premiere. Einige wenige Plätze sind noch verfügbar. Die Filmemacherin und Protagonistin Yu Hao freut sich darauf, nach der Vorstellung auch Fragen des Publikums zu beantworten.

Auch andere Protagonisten erklären im Film, was für sie ein Zuhause ausmacht. Aufnahmen aus Haos Fundus, der in den letzten 13 Jahren auf eine beachtliche Grösse angewachsen ist und das Appenzellerland, aber auch die chinesische Metropole Peking sowie die jeweiligen Bräuche und Traditionen wiedergeben, umrahmen die Geschichte, wie Yu Hao ihre Heimat fand. Doch was bedeutet «Heimat» nun für die Filmemacherin? «Heimat ist dort, wo ich meine innere Ruhe habe, wo ich mich nicht mehr anders fühle, wo ich gerne alt werden möchte und wonach ich nach zwei oder drei Wochen Reisen Heimweh habe. Und das ist hier in Urnäsch bei meinem Mann Ernst und unseren Freunden. Ich bin angekommen.»

Von Ramona Koller