Sandro Reichmuth und Sohn Nelio haben mit dem Kinderwagen schon einige Wege entdeckt. Im Buch Kinderwagenwege werden einige Routen gezeigt. z.V.g.
1/1 Sandro Reichmuth und Sohn Nelio haben mit dem Kinderwagen schon einige Wege entdeckt. Im Buch Kinderwagenwege werden einige Routen gezeigt. z.V.g.
12.11.2019 06:10

Erste Wandererfahrungen im Kinderwagen

Während drei Jahren wanderte Sandro Reichmuth aus Speicher mit seinem Sohn Nelio auf diversen Wanderwegen zwischen Säntis und Bodensee. Immer mit dabei: der Kinderwagen. Wo und wie es sich mit diesem am besten wandern lässt, erklärt er in seinem neuesten Buch «Kinderwagenwege».

Kinderwagenwege Sandro Reichmuth ist selbstständiger Fotograf und Gestalter. Nach Bildbänden, Postkarten und Kalendern bringt er nun sein erstes Buch über das Wandern mit dem Kinderwagen auf den Markt. 300 Stunden Arbeit, exklusive Wanderzeit mit Sohn Nelio (3) hat er in den Wanderführer investiert.

Sascha Reichmuth, wieso haben Sie sich mit dem Kinderwagen und nicht beispielsweise mit einem Tragetuch auf die Wanderungen begeben?

Das eine schliesst das andere nicht aus. Mit dem Tragetuch oder wenn die Kinder selbständig sitzen können in der Rückentrage, sind alle Wanderwege begehbar. Dafür wirkt das Baby im Tragetuch wie ein Ofen und man kommt ziemlich ins Schwitzen beim Wandern.

Der Kinderwagen hat den Vorteil, dass man das Gewicht nicht tragen muss. Hinzu kommt, dass man im Kinderwagen alles, was man für die Wanderung mit Kind braucht, verstauen kann.

Der Nachteil, dass man nicht überall durchkommt, hat zur Idee für einen Ratgeber geführt.

Wie bereitet man sich, sein Kind und den Kinderwagen optimal auf eine Wanderung vor?

Die lieben Kleinen benötigen natürlich mehr Gepäck als man selbst. Von Windeln über Wechselkleidung bis hin zum Schoppen muss alles eingepackt sein. Es ist mir nicht nur einmal passiert, dass ich vor lauter Babysachen meine eigene Verpflegung zu Hause vergessen habe.

Worin liegen die Herausforderungen beim Wandern mit einem Baby oder Kleinkind im Kinderwagen?

Zum einen sind da natürlich die offensichtlichen Dinge wie die nicht gegebene Kinderwagentauglichkeit vieler Wanderwege. Zum anderen ist es gerade noch bei Babys so eine Sache mit der Ernährung. Ich bin mit Nelio schon auf Wanderschaften gegangen, als er gerade einmal drei Monate alt war. Meine Frau konnte mich nicht begleiten, da wir uns das Berufsleben und die Kindererziehung aufgeteilt haben. Die Milch musste ich unterwegs aufwärmen.

28 Wege, die sich gut für die Begehung mit dem Kinderwagen eignen, beschreiben Sie in Ihrem Buch. War es anstrengend, diese zu finden? Wie viel Mal mussten Sie umkehren, weil Sie mit dem Kinderwagen nicht weitergekommen sind?

Fast nie (lacht). Das liegt aber an meiner Abenteuerlust. Ich bin einige Wege gegangen, welche nun nicht im Buch sind, da ich den Kleinen mit dem Kinderwagen ein Stück weit tragen musste. Andere Menschen hätten wohl umgedreht. Für mich waren und sind die Wanderungen mit meinem Sohn, der mittlerweile selbst läuft und ab und an im Tragegestell sitzt, qualitativ hochwertige Zeit, die ich nicht als anstrengend empfinde und auch nicht missen möchte.

Wieso sollte man mit seinem Kind, wenn es noch im Kinderwagenalter ist, überhaupt wandern gehen? Ist das nicht zu umständlich?

Babys und Kinder brauchen frische Luft. Und Eltern brauchen etwas Abwechslung. Wieso sollte man immer die gleiche Runde durch das Quartier drehen, wenn es zwischen Säntis und Bodensee so viele Wege gibt, die man mit dem Kinderwagen begehen kann? Dazu braucht es auch keinen speziellen Kinderwagen. Den, den ich auf den Wanderungen dabei hatte, habe ich von einem Freund bekommen. Von ihm habe ich auch die Idee zum Buch mit auf den Weg erhalten. Eine Bremse, Federung und gute Räder sind jedoch von Vorteil. Im Buch finden sich auch Wege, die für Wanderungen mit grösseren Kindern geeignet sind. Es sind Grillstellen, Spielplätze und Restaurants eingezeichnet.

Ist Ihnen bei Ihren Wanderungen mit dem Kinderwagen etwas speziell aufgefallen?

Man kommt viel eher ins Gespräch mit anderen Wandernden. Oftmals geben sie einem einen Spruch mit auf den Weg. Nelio nimmt alles ganz anders wahr als wir Erwachsenen. So habe auch ich wieder gelernt, die Welt durch Kinderaugen zu betrachten.

Was macht einen Kinderwagenweg perfekt?

Die schöne Aussicht zu geniessen ist eines meiner Highlights beim Wandern. Der Weg Gossau-Mult (Nr. 28) ist aus meiner Sicht ein Weg, der über alles verfügt, was eine gute Kinderwagen-Wanderung ausmacht: Natur, Spielplatz, Einkehrmöglichkeit, Aussicht, Feuerstelle, ÖV-Anbindung (auch gut um Busse und Züge zu beobachten), Bauernhoftiere und einen Bach. Zudem geht es ein bisschen auf und ab, aber nicht zu viel. 

Wenn Nelio ein Geschwisterchen bekommen würde, gibt es dann einen zweiten Teil?

Kann gut sein (lacht). Das ist aber noch Zukunftsmusik. Ich habe mir aber auch schon gedacht, dass ich, wenn es weiteren Nachwuchs geben sollte, diesem auch ein Buch widmen müsste - allein schon der Fairness halber. Vielleicht gibt es dann die besten Rucksackwanderungen oder einen Wanderführer für Familien mit grösseren und kleineren Kindern.

Interview: Ramona Koller