Romina Rausch (links) und Katrin Kreuels sind von kreisrundem Haarausfall betroffen und wollen anderen Haarlosen zur Seite stehen.  z.V.g.
1/2 Romina Rausch (links) und Katrin Kreuels sind von kreisrundem Haarausfall betroffen und wollen anderen Haarlosen zur Seite stehen. z.V.g.
Kopfrausch Zipper Event
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21.11.2019 13:18

Kopfrausch – Wenn Haare dein

Katrin Kreuels und Romina Rausch sind Inhaberinnen von «Kopfrausch». Beide sind von kreisrundem Haarausfall (Alopecia Areata) betroffen und wollen mitleidenden Menschen, die ebenfalls an Haarlosigkeit leiden, helfen sich wieder schön zu fühlen. Indem sie in ihrem Geschäft Kopfbedeckungen, Perückenzubehör und sonstige Hilfsmittel für Haarlose anbieten, können sie vielen Menschen ein verlorenes Lächeln zurückgeben.

Kopfrausch «Oft werden wir mit Chemotherapie-Patienten verwechselt» sagt Karin Kreuels, die gemeinsam mit Romina Rausch die Marke «Kopfrausch» gegründet hat und einen Onlineshop sowie ein Ladengeschäft in Deutschland und eines in der Schmiedgasse in Herisau führt. In ihrem Geschäft bieten die Frauen, die beide von Alopecia Areata betroffen sind, speziell für haarlose Kunden Kopfbedeckungen, Zubehör wie Shampoo oder Balsam für Perücken und Augenbrauen zum Aufkleben an. Neu auch Nachtwäsche für Mann und Frau, damit der Kopf auch in der Nacht nicht friert und man sich auch ohne Haare schön fühlen darf. Kundinnen und Kunden aus der ganzen Ostschweiz besuchen das Team von Kopfrausch in ihrem Ladengeschäft, ungefähr 70 Prozent bestellen im Onlineshop. Kreuels empfiehlt jedem, der den Weg nach Herisau auf sich nehmen kann, am im Laden vorbeizuschauen.

«In dieser neuen Situation ist es manchmal sehr schwierig zu wissen, welche Kopfbedeckung am besten zu einem passt. Wir können den Patienten im Laden mit einer authentischen Beratung helfen, das passende Modell in der passenden Grösse zu finden.»

Schweiss und Staub in den Augen

Alopecia Areata ist eine Autoimmunkrankheit, bei der man die Haare am ganzen Körper verlieren kann und die mehr Einschränkungen mit sich bringt, als man vermuten würde. Wenn Augenbrauen und Wimpern fehlen, kann das Schwierigkeiten mit sich bringen wie zum Beispiel, dass der Schweiss über die Stirn in die Augen rinnt und ohne Wimpern ständig Staub ins Auge kommt, was nicht selten zu Entzündungen führen kann. Auch die Härchen in der Nase sind sehr wichtig, denn sonst würde die Nase im Winter ununterbrochen laufen und diejenigen in den Ohren sind für den Schmalztransport unverzichtbar. Auch Männer sind von der Krankheit betroffen. «Man würde meinen, für sie sei das weniger schlimm als für Frauen. Jedoch gilt ein Mann ohne Haare, weder auf dem Kopf noch im Bart oder am restlichen Körper, schnell als unmännlich», erklärt Kreuels. Dies zeige sich auch an den Zahlen von Suiziden, die von Haarausfall mitausgelöst wurden. «Auch Männer haben es schwer, mit dem dauerhaften Haarverlust zu kämpfen.» Doch nicht nur «Alopecianer», wie sich die von der Krankheit Betroffenen selbst nennen, sondern auch Chemotherapie Patienten, die nur vorübergehend haarlos sind, gehören zu den Kundinnen und Kunden des Kopfrausch-Teams. Sie machen rund 80 Prozent aus.

«Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich von dem kreisrunden Haarausfall betroffen. Anfangs nur am Hinterkopf - das hat sich jedoch ziemlich rasch ausgebreitet», so Kreuels. Immer wieder fingen ihre Haare an zu wachsen, bis Kreuels 2009 innerhalb weniger Monaten sämtliche Kopfhaare verlor. «Das war fast schlimmer als dauerhaft haarlos zu sein, dieser kleine Hoffnungsschimmer und dann fallen doch wieder alle Haare aus». Damals kam Kreuels das erste Mal mit einer Perücke in Berührung und merkte schnell, dass sich das für sie nicht richtig anfühlt. Schnell stieg sie auf spezielle Kopfbedeckungen um. "Ich hatte aber früher schon eher kurze Haare und habe mich nie so richtig über meine Haare definiert."

Sich so akzeptieren wie man ist

Mit Cortison könne der Haarausfall zwar kurzzeitig gestoppt werden, kehrt danach jedoch fast immer noch schlimmer zurück. Bei anderen Therapieformen können sich gar Ekzeme auf dem Kopf bilden, da die Spritzen direkt in die Kopfhaut gegeben werden. «Die meisten Patienten, die frisch ihre Diagnose erhalten, probieren alle möglichen Heilmittel aus und haben schlussendlich meistens die Einsicht, dass es am besten ist, sich selber so zu akzeptieren wie sie jetzt sind», erklärt die Alopecianerin.

Positiv sehen

Katrin Kreuels versucht immer, jeder Situation etwas Positives abzugewinnen. Daher sieht sie in der Haarlosigkeit auch Vorteile. Wie zum Beispiel, dass man sich die Friseurkosten spart. Natürlich benötigen auch hochwertige Echthaarperücken intensive Pflege. Auch sie müssen zum Beispiel gewaschen und geföhnt werden - Kopfrausch bietet die idealen Pflegeprodukte dafür an. Die Alopecianerin selbst sagt, dass es am wichtigsten sei, positiv zu denken und sich auch mit Glatze zu akzeptieren. Sie liebt ihre Kofbedeckung so sehr, dass sie es nur manchmal im Hochsommer oder beim Sport nicht trägt. «Es gehört mittlerweile einfach zu mir. Für meine Haare habe ich nie so viele Komplimente bekommen, wie jetzt für meine Kopfbedeckungen.» Kreuels hat keine Probleme damit, auf ihre Haarlosigkeit angesprochen zu werden: «Das ist mir lieber, als wenn man mich einfach anstarrt.» Das Gespräch kann für beide Parteien eine gute Erfahrung sein und das Schubladendenken langsam aus dem Weg schaffen. «Viele Menschen verstecken sich vor der Öffentlichkeit und getrauen sich nicht mehr nach draussen, denn viele haben es selbst schon erlebt, dass getuschelt wurde und man sich dann noch schlechter gefühlt hat.»

Viele Frauen, Kinder und auch Männer definieren sich über die Haare an ihrem Körper, deshalb lehnen immer noch 8 Prozent aller Krebspatienten die Chemotherapie ab, da die Angst da ist, dass man dem Schönheitsbild der Gesellschaft nicht mehr gerecht wird. Deswegen will das Team von «Kopfrausch» auch weiterhin Schulungen in Spitälern anbieten, um das Pflegepersonal darauf aufmerksam zu machen, dass Haarlosigkeit auch psychische Probleme mit sich bringen kann. Denn für die Psyche sei es wie bei allen Problemen, am besten wenn man ein einfühlsames Umfeld hat, mit dem man reden kann. Es ist wichtig für die Heilung, dass man sich und sein neues Aussehen akzeptieren kann: «Wir haben schon öfters Fotoshootings mit speziellen Themen und Make-Up veranstaltet, um Menschen auf ihrem Leidensweg auch ihre schönen Facetten aufzuzeigen. Das hilft allen Teilnehmern immer unglaublich gut dabei, besser mit ihrer Krankheit umzugehen.»

Cynthia Sieber und Ramona Koller