Podiumsdiskussion zur Konjunkturlage: (Von links) Katharina Lehmann,  Sabine Bianchi, Otto Hofstetter, Peter Eisenhut.
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1/1 Podiumsdiskussion zur Konjunkturlage: (Von links) Katharina Lehmann, Sabine Bianchi, Otto Hofstetter, Peter Eisenhut. we
18.11.2019 20:12

Unsicherheiten bremsen Konjunktur

Unsicherheiten in der Weltpolitik führen auch zu solchen in der Wirtschaft. Gerade bei Investitionen ist deswegen eine Zurückhaltung spürbar. Doch die Unterschiede sind zwischen der Industrie und den Dienstleistungen gross. Das kann zusammengefasst zum letzten Konjunkturforum »Zukunft Ostschweiz» mit wiederum rund tausend Teilnehmenden in der Olma-Halle 2.1. gesagt werden.

Konjunkturforum «Die Industrie verliert an Flughöhe» formulierte schon Markus Bänziger, Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell,  in seiner Begrüssungsansprache. Gesamthaft aber sieht es für die Schweiz und die Ostschweiz im kommenden Jahr gar nicht so schlecht aus. Ob Handelskonflikte, geopolitische Verwerfungen oder Brexit: Die grössten wirtschaftlichen Risiken liegen im Ausland, wie Jan-Egbert Sturm von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) von der ETH darlegte. Die Stimmung im Euro-Raum sei nicht mehr so gut wie vor einem Jahr. Das bremse die Schweizer Konjunktur. Die Auslastung der Industrie bewertet er zwar «mehrheitlich gut»; die Beschäftigung steige, die Arbeitslosigkeit sinke. Trotzdem ist für ihn das Wirtschaftswachstum schwächer, als diese Indikatoren vermuten liessen.

Konsumentenstimmung hat sich verschlechtert

Peter Eisenhut von Ecopol zeichnete ein ähnliches Bild für die regionale Entwicklung: «Das Abflachen der Weltwirtschaft, insbesondere in Deutschland, trifft die Ostschweizer Industrie – teils mit empfindlichen Exportrückgängen». In der Ostschweiz spürten namentlich die vielen Zulieferer der Autoindustrie die ungünstigere Lage der Autohersteller. Das alles lasse gesamthaft nicht auf eine gleich gute Konjunktur hoffen wie in den letzten beiden Jahren. Dennoch gehe es der Ostschweizer Binnenwirtschaft besser. «Im Bau laufen die Geschäfte immer noch, die Dienstleister sind zufrieden», so Eisenhut. Die Unternehmen seien «vorsichtig optimistisch». Hingegen habe sich die Konsumentenstimmung verschlechtert, was kein gutes Zeichen sei für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft.

Verdeutlicht wurden diese Aussagen bei den folgenden Diskussionen unter der Moderation von Sabine Bianchi. Dabei zeigten sich weiterhin sehr gute Aussichten für die IT-Branche, wie Michèle Mégroz darlegte. Jene Firmen profitieren am meisten, die gute Fachkräfte zu engagieren verstehen. Die Baubranche werde künftig mit einem Rückgang des Wohnungsbaus konfrontiert, liess Katharina Lehmann wissen. Doch ihre Firma profitiert vom Aufschwung des Holzbaus, der neuerdings auch vermehrt für grössere Bauten beansprucht wird.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern

Der zweite Teil des Abends war der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewidmet, wobei sich zeigte, dass sich das Problem nicht in allen Branchen gleich stellt. Eine differenzierte Sichtweise ist nötig, wobei bei den Wirtschaftsvertretern wie  bei den Wissenschaftlern Einigkeit darüber besteht, dass grössere Anstrengungen unternommen werden müssen. Selbst bei  geringem Wirtschaftswachstum fehlen in der Schweiz demografisch bedingt bereits 2028 rund 300‘000 Arbeitskräfte. Damit stehen gesellschaftlicher Wohlstand und unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel. «Die Lücke auf dem Arbeitsmarkt können wir nicht einfach mit erhöhter Zuwanderung kompensieren», warnte IHK-Präsident Roland Ledergerber. «Wir müssen das brachliegende Arbeitskräftepotenzial mobilisieren und in die Wirtschaft integrieren können.» Gleichzeitig verschärften sich ohne Gegenmassnahmen die Finanzierungsprobleme der Sozialsysteme, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Pensionierten gegenüberstünden.  Zu beachten ist nach Ledergerber aber auch der Gesellschaftswandel. Jüngere Menschen streben nach Eigenständigkeit und Selbstverwirklichung. So gehöre die Vereinbarkeit von Familie und Beruf inzwischen zu den wichtigsten Merkmalen attraktiver Arbeitgeber.

Ein Bündel politischer Forderungen

Bänziger formulierte diverse politische Forderungen. Nebst der Flexibilisierung der zu teuren externen Kinderbetreuung und flexibler Elternzeit gehöre dazu ein Taktstundenplan für die Schulen und Kindergärten. Er forderte deshalb einheitliche Unterrichts- und Betreuungszeiten über die ganze Ostschweiz. Die folgenden Podiumsdiskussionen liessen erkennen, dass sich das Problem flexibler Arbeitsmodelle nicht in allen Firmen in gleicher Schärfe stellt. Unterschiedlich sind die Hürden bei der Umsetzung, da es Berufe und Funktionen gibt, bei denen eine Umsetzung nur beschränkt möglich ist, wenn der Service nicht eingeschränkt werden soll.  

Die IHK legt in ihrer Schriftenreihe mit dem beachtenswerten Heft «Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Handlungsbedarf und Massnahmen» die Notwendigkeit einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausführlich dar und geht auf die Handlungsfelder für Unternehmer und Politik näher ein.

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